Ein Jahr Monnett: Warum die europäische Social-Media-Hoffnung an der Praxis scheitert

Monnett Social Media
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Ein soziales Netzwerk aus Europa, ohne manipulative Algorithmen, ohne Werbetracking und voll und ganz auf Datenschutz ausgerichtet – die Vision hinter der luxemburgischen Plattform Monnett (betrieben von der Monnet Social S.A.) klingt auf dem Papier nach der perfekten Alternative zu Meta, TikTok und Co. Nach einem Jahr Praxistest wird jedoch deutlich, dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht bedeutet. Neben konzeptionellen Hürden offenbart die Plattform Schwachstellen, die ihrer Verbreitung massiv im Weg stehen.

1. Das Naming-Dilemma: Eine sprachliche Barriere für 85 % Europas

Eines der gravierendsten Probleme der Plattform ist ihr eigener Name. Das Branding erzeugt von Minute eins an Reibung:

  • Aussprache vs. Schreibweise: Der Name leitet sich laut Entwicklern von „Mon Network Social“ ab, kombiniert mit einem zweiten t für „transparent“. Für französisch geschulte Ohren klingt „Monnet“ wie der französische Name (oder der Politiker Jean Monnet). Für den Großteil Europas führt die Stummheit oder Betonung des End-„t“ zu dauernden Schreibfehlern (Monet, Monett, Monnet).
  • Sprachstatistik in Europa:
    • In geografisch Europa (ca. 740 Millionen Einwohner) sprechen nur etwa 15 bis 16 % (ca. 115–120 Millionen) Französisch als Muttersprache oder fließende Zweitsprache (hauptsächlich in Frankreich, Teilen von Belgien, der Schweiz, Luxemburg und Monaco).
    • Rund 84 bis 85 % der europäischen Bevölkerung sprechen kein Französisch.
Monnett ein Flop

Für diese überwältigende Mehrheit von ~620 Millionen Menschen ist die französisch anmutende Schreib- und Sprechweise ungeschickt: Ein Name, den man Buchstabe für Buchstabe buchstabieren muss, wenn man ihn Freunden empfiehlt („M-O-N-N-E-T-T“), hemmt Mundpropaganda – das wichtigste organische Wachstumsinstrument für ein neues Netzwerk. Meine Kunden haben mir zu 80% das Feedback gegeben, sie hätten die App nicht gefunden, was an der Schreibweise liegt. Ich glaube, am Ende haben es 2 Kunden geschafft. Und hier ist der Aufwand auf meiner Seite zu hoch das jedes Mal zu erklären.

Ich verstehe nicht, warum man sich darüber nicht vor dem Beginn von Monnett Gedanken gemacht hat?

Monnett hat selbst einen Post dazu veröffentlicht. Hat man das Problem tatsächlich verstanden, oder macht man sich über die Nutzer lustig? Das muss jeder für sich entscheiden.

2. Die weiteren Schwachstellen und Nachteile der Plattform

Neben dem unglücklichen Branding leidet Monnett unter tiefer liegenden strukturellen und technischen Nachteilen:

A. Das Content-Discovery-Paradoxon (Fehlender Algorithmus)

Monnett wirbt stolz damit, frei von Dopamin-Algorithmen und rein chronologisch aufgebaut zu sein. Was wie ein Datenschutz-Sieg wirkt, erweist sich in der Praxis als Usability-Bremse:

  • Ohne smarte Empfehlungen sieht man nur Inhalte von Accounts, denen man explizit folgt.
  • Neue, relevante Creator oder interessante Nischenthemen zu entdecken, erfordert aktiven manuellen Aufwand. Der Feed wirkt schnell träge oder leer, wenn das eigene Netzwerk nicht dauerhaft aktiv ist.
  • Der generelle Feed stoppt nach Anzeige von „n“ Posts um Doom-Scrolling zu vermeiden. Was das nächste Problem auf den Plan ruft: welches Unternehmen das Monnett nutzen möchte, zahlt dafür das die eigenen Posts nicht so häufig angezeigt werden? Das ist nicht durchdacht.

B. Das klassische Netzwerkeffekt-Problem („Ghost Town“-Effekt)

Ein soziales Netzwerk lebt von seinen Nutzenden. Trotz erster Nutzerwellen bleibt die Interaktionsrate bei Monnett überschaubar. Da Nutzer ihre bestehenden Kontakte nicht mühelos von etablierten Plattformen wie Instagram herüberziehen können, wirkt die App für Einsteiger oft wie eine Geisterstadt. Ohne kritische Masse sinkt die Motivation, regelmäßig hochwertige Inhalte zu erstellen.

Die Inhalte wirken oft statisch, weil viele Fotographen ihre Bilder darauf veröffentlichen. Sprich, es sind qualitativ hochwertige Bilder, aber es fehlt an Dynamik und interessanten Inhalte. Um ehrlich zu sein ist Monnett so aufregend wie ein Besuch im Altersheim.

Des weiteren muß sich Monnett mit einer Menge an Fake-Profilen auseinandersetzen. Da fehlt einfach eine technische Überprüfung, die so etwas zumindest eindämmt.

C. Das Monetarisierungs-Dilemma

Da Monnett auf Daten-Profiling und zielgerichtete Werbung verzichtet, muss sich die Infrastruktur über Abo-Modelle (wie den Freedom-Tarif für 2,99 €/Monat, bzw. Pro-Plan für €5,95) finanzieren. Aber welcher kommerzielle Nutzer wird das zahlen, wenn seine Posts durch, ich nenne es mal die Anti-Doom-Scrolling-Funktion, viel weniger angezeigt werden??

  • Der Konsument im Social-Media-Bereich ist seit zwei Jahrzehnten an „kostenlose“ Nutzung gewöhnt.
  • Die Zahlungsbereitschaft für ein Netzwerk, auf dem die eigenen Freunde (noch) nicht sind, ist extrem gering. Dies schränkt das Budget für Server-Infrastruktur, Marketing und Weiterentwicklung drastisch ein.

D. Technische Kinderkrankheiten & Feature-Rückstand

Im Vergleich zu den durchoptimierten Milliarden-Plattformen aus den USA und China hinkt die Performance an vielen Stellen hinterher:

  • Upload- und Ladezeiten: Beim Hochladen von hochauflösenden Medien oder Videos kommt es regelmäßig zu Rucklern oder Abbrüchen.
  • Fehlendes Feature-Set: Funktionen wie ausgereifte Video-Editoren, flüssige Story-Formate oder E2EE-Gruppenchats wurden erst spät nachgereicht oder fehlen in der gewohnten Tiefe der Konkurrenz.
  • Zoomen in das Bild rein ist gar nicht möglich.

E. Was will Monnett eigentlich sein?

Mal möchte Monnett die Alternative zu Instagram sein. Dann aber doch ganz anders sein als Instagram. Im nächsten Atemzug wird populistisch geworben: wir machen aus Nutzern Menschen. Gleichzeitig wird den Menschen aber vorgeschrieben, wieviel Feed sie sehen „dürfen“ um dann gleich wieder mit der Funktionalität zu werben: wir lassen die Nutzer entscheiden was sie sehen wollen (diese Funktion ist toll).

Aber hier schein es als ob Monnett selbst nicht weiss was sie sein wollen. Mal wird als Zielgruppe von Kunst gesprochen, dann Fotografen, dann wieder der „einfache Nutzer“ mit „wie sieht Dein Alltag aus“. Hier fehlt es von aussen gesehen an einer Strategie. Vielleicht gibt es die intern, wirksam ist sie wohl aber nicht.

Ein Punkt der immer wieder auffällt: es werden Ankündigungen gemacht, die dann nicht eingehalten werden:

  • man wollte eine „Roadmap“ regelmässig veröffentlichen, damit die Nutzer sehen was in der Pipeline ist. Einmal gemacht, danach nie wieder
  • alle 2 Wochen sollte ein neues Release erscheinen. Einmal gemacht, danach die Frequenz nicht mehr eingehalten
  • es werden über den Discord Kanal viel zu viele „inoffizielle“ Informationen als verlässliche Statements verbreitet, während es unter den Usern Diskussionen über die Deutungshoheit von Funktionen debattiert wird.

Persönlich habe ich auch so ein bisschen den Verdacht, dass es keine klare Aufgabenteilung im Monnett-Team gibt. Das mag an der Größe geschuldet sein (Personal kostet Geld). Woran man es erkennt? Manchmal denke ich, dass die Person, die die Requirements schreibt, auch die Person ist, die es programmiert. Und das ist für eine Softwareentwicklung nie gut.

Fazit

Monnett ist ein sympathisches europäisches Experiment mit erstklassigen Datenschutz-Vorsätzen. Doch ideologische Korrektheit ersetzt keine User Experience: Ein schwer verständlicher Name, eine zähe Content-Entdeckung und das Fehlen der kritischen Masse machen die App derzeit eher zu einer Nischen-Insel für Datenschutz-Enthusiasten als zu einem echten Instagram-Herausforderer und ist eher für den Zeitvertreib als für einen professionellen Einsatz geeignet.

Von Nighthawk

Freiberufler, viel mit Menschen, lebt an der Bergstraße

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